Torsten Schwan: »…um die aus der Weimarer Zeit übernommene Substanz zu sichern«?

Peter Petersen, der Nationalsozialismus und die defensiven Traditionen aktueller Rezeptionsentwicklungen

310 Seiten, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-943059-01-4 ● 29,80 Euro

Peter Petersen und sein Werk polarisieren. Eine zentrale Ursache dafür ist, dass er sich nach demokratischen Anfängen bis spätestens Ende 1931 von der Weimarer Demokratie verabschiedete und sich nach 1933 sowohl ideologisch als auch pädagogisch-realpolitisch vielfach aktivistisch selbst mobilisierte. Seine spätestens seit 1929/30 zunehmend problematischer werdende Erziehungstheorie und sein vielfach grenzüberschreitendes Handeln nach 1933 taugen nicht als Vorbild. Dieses mittlerweile umfassend nachgewiesene Faktum wird von Teilen der heutigen Jenaplan-Pädagogik weiterhin verdrängt und im Sinne einer »defensiven Rezeption« vertuscht, verdreht, ins Gegenteil verkehrt. Die Jenaplan-Pädagogik wird durch jene gezielt verbreiteten Unwahrheiten nach wie vor aus eigenen Reihen in eine Schmuddelecke gerückt. Statt sich endlich von dieser Rezeptionsauffassung selbst zu befreien, wird eine immer wiederkehrende Melange aus Un- und Halbwahrheiten, aus Diskreditierungen und Fantasieprodukten, letztlich aus Mythen und Mythologisierungen angerührt. Durch sie sollen nicht nur die heutige Jenaplan-Anhängerschaft »auf Linie« gehalten, sondern auch die bundesdeutsche Öffentlichkeit gezielt getäuscht werden.

Das in dieser Studie analysierte Buch des Braunschweiger Erziehungswissenschaftlers Hein Retter sowie die lange Zeit währende Unterstützung seiner Darlegung durch den Jenaer Oberbürgermeister Albrecht Schröter und seine wissenschaftlichen Berater Peter Fauser, Jürgen John und Rüdiger Stutz stellen den bislang letzten Versuch dar, das Werk und die Person des Jenaer Reformpädagogen in nicht tolerierbarer Weise für eigene Interessen zu retten. Die Studie verdeutlicht die Problematiken der von ihnen im Verlauf der Debatte vertretenen Auffassungen und zeigt zugleich erstmals umfassend, wie stark sich Petersen ab 1938/39 in ideologische und realpolitische Nähe zur SS begab. Spätestens diese SS-Nähe und die aus ihr folgenden Konsequenzen lassen ein ehrendes Gedenken nicht mehr zu.


Über den Autor:

Torsten Schwan wurde 1968 in Bremen geboren. Nach dem Studium der Fächer Chemie, Geschichte sowie Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften promovierte er 1999 an der Technischen Universität Braunschweig. Seit 2002 arbeitet er als Studienrat an der Osnabrücker Gesamtschule Schinkel. Er veröffentlichte diverse Arbeiten zum Werk und zur Person des Jenaer Reformpädagogen Peter Petersen. Eine umfassende Studie zur Jenaplan-Pädagogik und ihrer Erziehungstheorie in der Weimarer Republik und während der NS-Zeit wird im Verlauf des Jahres 2011 abgeschlossen werden.

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