Benjamin Ortmeyer: Jenseits des Hippokratischen Eids

Josef Mengele und die Goethe-Universität

Titel Mengele

154 Seiten, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-943059-13-7 ● 14,80 Euro

Josef Mengele promovierte 1938 an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und arbeitete dort als Assistent von Prof. Dr. Verschuer am Institut für Rassenhygiene und Erbbiologie. Benjamin Ortmeyer skizziert den Weg Mengeles, der in der NS-Zeit zunächst als Rassengutachter an der Goethe-Universität und später als mörderischer SS-Arzt im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau tätig war, bis er schließlich unter falschem Namen nach Südamerika floh. Zu den Besonderheiten der Nachkriegszeit gehört, dass der deutsche Botschafter in Argentinien Mengele trotz allem einen deutschen Reisepass auf seinen richtigen Namen ausstellte.

Der Fall Mengele zeigt, wie es einem Nazi-Verbrecher, der bei der Selektion an der Rampe, im Krankenbau und in einzelnen Blocks in Auschwitz-Birkenau unzählige Menschen in den Tod schickte und grausame »medizinische« Versuche an Zwillingskindern und anderen Häftlingen durchführte, gelingen konnte, seiner Strafe zu entgehen. Der in diesem Band vollständig dokumentierte umfassende Haftbefehl der Staatsanwaltschaft Frankfurter aus dem Jahr 1981 hat diese Verbrechen als Grundlage für eine angestrebte Anklage in beeindruckender Weise zusammengefasst.

Andere konnten sogar ihre wissenschaftliche Karriere nach 1945 nahezu ungestört fortsetzen, wie Mengeles ehemaliger Vorgesetzter, Otmar von Verschuer. Viele hätten Verschuer gern wieder an der Goethe-Universität gesehen, aber aus Sorge um einen möglichen Reputationsverlust in der Weltöffentlichkeit entschied man sich gegen eine erneute Berufung, attestierte ihm aber zugleich, dass er angeblich »alle Qualitäten besitzt, die ihn zum Forscher und Lehrer akademischer Jugend prädestinieren«. Auch diese Vorgänge sind dokumentiert.

Im Fall Mengele gelang es 1961 immerhin, auf Druck von Hermann Langbein und anderen Auschwitz-Überlebenden, die Goethe-Universität dazu zu bewegen, ein Verfahren zur Aberkennung von Mengeles Doktortitel einzuleiten. Den in diesem Band versammelten Dokumenten ist unter anderem zu entnehmen, wie der per Haftbefehl gesuchte Massenmörder Mengele durch einen Aushang an der Universität dazu aufgefordert wurde, sich am 6. Juli 1961 um 11.15 Uhr »im Dienstzimmer des Rektors« zu melden. Mengele versuchte – letztlich vergeblich – bis 1964 von Südamerika aus über seinen Anwalt Fritz Steinacker gegen die Aberkennung des Doktortitels vorzugehen.


Über den Autor:

Benjamin Ortmeyer, Jg. 1952, ist apl. Professor an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. 1996 erhielt er für seine Arbeit den Heinz-Galinski-Preis der Jüdischen Gemeinde Berlin. Er leitet die Forschungsstelle NS-Pädagogik an der Goethe-Universität.